Alles Schnee von gestern?

Hanna Rohrer hat ihre vorwissenschaftliche Arbeit über die Auswirkungen des Klimawandels auf den Wintertourismus in Westösterreich am Bundesoberstufenrealgymnasium Götzis verfasst. Im Zuge des „POW Awards“ erreichte Hanna Platz 3, dazu gratulieren wir herzlich. Damit auch Ihr wisst, aus welchen Blickwinkeln das Thema Wintertourismus beleuchtet wurde und welche Aspekte des Klimawandels dabei eine Rolle spielen, fassen wir dies in einem Blogartikel zusammen.

Die Anfänge des Wintertourismus und die Frage nach der Schneesicherheit

Seit den 1960er Jahren hat der Wintertourismus in den Alpen an Popularität gewonnen und stellt einen wesentlichen (wirtschaftlichen) Faktor in der Tourismusbranche dar. Das Erfolgsgeheimnis liegt in der Qualität der Angebote, Professionalität, Erfahrung sowie der Kulinarik und nicht zuletzt der großen Auswahl an Skigebieten. Nicht umsonst haben die „Beatles“ den Film „Help!“ 1965 in Obertauern gedreht, lernten dafür Skifahren und engagierten professionelle Skilehrer:innen als Stunt-Doubles.

Durch den Klimawandel hat sich jedoch einiges zum Negativen für den Wintertourismus verändert, wie Hanna Rohrer in ihrer vorwissenschaftlichen Arbeit anhand von drei wesentlichen Forschungsfragen erläutert:

Sie stellt sich die Frage nach der Schneesicherheit der Tourismusgebiete und den aus der Erderwärmung resultierenden Folgen für den Wintertourismus. Mit der Erderwärmung stellt sich die Frage nach der Veränderung des Wintertourismus in Westösterreich sowie das Suchen und Finden von Alternativen. Als letzten Aspekt betrachtet Hanna Rohrer eine mögliche und nachhaltige Modernisierung des bisherigen Konzeptes des Wintertourismus in Westösterreich.

Bevor diese Fragen hinreichend beantwortet werden können, ist es notwendig, ein Verständnis zu schaffen und für die mit dem Wintertourismus und Klimawandel zusammenhängende Begriffe zu klären. Der Tourismus umfasst drei Schwerpunkte, welche einen Aufenthalt in einer Region für Besuchende angenehm gestalten: Transport, Unterkunft und Dienstleistungen. Wie bereits einleitend erwähnt, hat der Wintertourismus in Österreich – vor allem in Westösterreich – einen sehr hohen Stellenwert. Alle Tourismusorte, die für den Wintertourismus von Bedeutung sind, liegen (abgesehen von drei steirischen Ortschaften) in Westösterreich. Hier werden in den Wintermonaten mehr Nächtigungen gezählt als in den Sommermonaten.

Durch den Anstieg des (alpinen) Winter- und Bergsports haben sich neben dem Tourismus selbst auch die Landschaft und das Klima in den einzelnen Tourismusgegenden verändert.

Die historische Entwicklung untermauert diese Feststellungen: Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Alpen als lebensfeindlicher und primitiver Lebensraum angesehen. Als der alpine Tourismus Einzug hielt, war die ansässige Bevölkerung misstrauisch gegenüber den Neuankömmlingen, da für sie die Alpen als Arbeits- und Wohnraum galten. Erwähnenswert ist, dass es die städtische Bevölkerung in die Alpen zog, um die Natur zu erleben. Ab 1965 (als auch die Beatles den Film „Help!“ in Obertauern drehten, begann der alpine Winter-Tourismus zuzunehmen und entwickelte sich bis zur heutigen Zeit stets weiter.

Wintersport in diesem Ausmaß hinterlässt nicht nur Spuren im Schnee, sondern auch in der Klimabilanz (© Markus Bachofner).

Doch diese stetige Entwicklung, wie auch die Historie belegt, hat, vor allem für das Klima, oftmals negative Folgen. Deutlich wird dies, als die Vorarlberger Landesregierung am 4. Juli 2019 den Klimanotstand ausrief, um ein Zeichen zu setzen. Besonders bedenklich ist der Temperaturanstieg, welcher sich auch auf die Schneesituation und Gletscher auswirkt. Die Beschreibung der Schneesituation gestaltet sich, vor allem in der Zukunft, besonders schwierig. Hier spricht man oft von „Tendenzen“, eine klare Voraussage ist in vielen Fällen nicht möglich.

Im Zuge der Beschreibung der Schneesituation in Westösterreich ist der sogenannte Albedo-Rückkopplungseffekt erwähnenswert. Als Albedo-Rückkopplungseffekt versteht man die Abnahme der weltweiten Schneemenge, welche dann in Form von Regen auf die Erdoberfläche trifft. Durch die Abnahme wird die Sonneneinstrahlung vom Schnee nicht mehr reflektiert, mehr Energie wird absorbiert und die Erdoberfläche erhitzt sich dadurch kontinuierlich.

Bereits geringe Temperaturunterschiede in den winterlichen Alpenregionen können das physikalische und biochemische Gleichgewicht stören. Seit den 1990er Jahren kann ein Temperaturanstieg von 1,5 Grad nach der Celsiusskala verzeichnet werden. Trotz dieses als „numerisch geringfügig“ erscheinenden Wertes, sind die Auswirkungen des Temperaturanstieges massiv: Die Schneedeckenmächtigkeit sowie die Gesamtschneemenge nimmt ab und die heimischen Winter werden milder.


Liftanlagen am Stubaier Glescher (© Markus Bachofner).

Schnee Juchee – Lösungsansätze für die Schneesicherheit

Nach dieser ausführlichen Problembenenung und Erläuterung zentraler Phänomene, welche zur Veränderung des Klimas sowie der heimischen Winter beitragen, gilt es nun, Lösungsansätze in Form von Anpassungsstrategien zu finden.

Dazu zählt auch die Kunstschneeerzeugung mittels speziell dafür ausgelegter Maschinen. Diese Methode wurde durch Zufall entdeckt und ahmt den natürlichen Schnee nach, jedoch mit veränderten Eigenschaften: Der Kunstschnee ist resistenter gegenüber Temperaturschwankungen und eignet sich als funktionierende Basis für den darauf fallenden Naturschnee. Durch den hohen Einsatz von Energie werden Beschneiungsanlagen nur auf ausgewiesenen und präparierten Skipisten angewendet. Durch die Anlegung spezieller Wasserreservoirs wird, durch das Wegfallens des langen Pumpweges vom Tal in die Höhen, einiges an Energie und Kosten eingespart. Weiters arbeitet das Beschneiungssystem in einem Kreislauf: Im Frühling wird das aus dem Kunstschnee anfallende Schmelzwasser in höher gelegene Speicherseen gepumpt und kann somit in der nächsten Saison wiederverwendet werden.

Eine weitere Maßnahme ist die Präparation der Skipisten. Die Pistenpräparation erfolgt sowohl in den Sommer- als auch den Wintermonaten und hat zum Ziel, Strecken und Hänge für den Skitourismus zugänglich zu machen, die eigentlich nicht dafür geeignet sind. Bevor die Schneeschicht, aus Natur- oder Kunstschnee, auf das Gebiet fällt, wird loses Gestein, Baumstämme, Wurzeln und anderes, potenziell gefährliches Material abgetragen. Sobald der Schnee auf das präparierte Gelände fällt, beginnen die Pistenraupen mit ihrer Arbeit und bereiten die Schneemassen für den Wintersport auf.

Weitere, längerfristige Maßnahmen beinhalten die Verlegung der Pisten in höhere Lagen oder auf Gletscher(-gebiete). Diese Methode ist grundsätzlich möglich und würde eine bessere Schneegarantie geben, dennoch sind hierfür massive Eingriffe in die Natur notwendig, die oftmals nicht genehmigt und/oder massiv kritisiert werden.

Eine weitere Möglichkeit ist der Schutz der Schnee- und/oder Eismassen vor der Schmelze über die Sommermonate. Durch den dramatisch schnell voranschreitenden Rückgang der Gletscher ist es oft schon nicht mehr möglich, einen reibungslosen und uneingeschränkten Skibetrieb zu gewährleisten. Zum Schutz der Schnee- und Eismassen werden Vliesfolien angebracht, mit denen der Schnee konserviert werden kann. Durch den hohen finanziellen Aufwand und die notwendige Expertise bei der Anwendung eignet sich diese Methode oftmals nicht für eine flächendeckende Nutzung. Auch der Abnahmezeitpunkt der Folien kann Komplikationen mit sich bringen: Wird die Folie zu früh abgenommen, kann sehr viel Material verloren gehen, wird sie zu spät abgenommen, können bereits gefallene Schneemassen diesen Prozess massiv erschweren.

In der Zukunft wird das Thema „Snowfarming“ weit oben in der Prioritätenliste stehen. Beim „Snowfarming“ geht es darum, problematische Pistenstellen gezielt mit ausreichend Schnee zu versorgen. Diese Methode bietet sich vor allem an, um einen sicheren Saisonstart ohne Verzögerung durch Schneemangel zu ermöglichen.

Lösungsansätze durch die Neuausrichtung des Tourismus

Neben den Ansätzen beim Arbeiten mit Schnee selbst gibt es auch Ansätze in den Tourismusorten, um den Wintertourismus einhergehend mit dem Klimawandel neu zu gestalten. Die Tourismusbetreibe streben eine Diversifikation der Einnahmequellen und Tourismusangebote an. Hierbei sollen Alternativangebote bei Schneemangel auf den Pisten trotzdem für ein entspanntes Wintervergnügen sorgen. Kutschenfahrten durch Tourismusorte, Schneeschuhwanderungen und Rodeln benötigen eine geringere Schneedecke und liefern ebenfalls wunderschöne Wintereindrücke der Alpenregion. Zusätzlich erweisen sich Indoor-Sportaktivitäten wie Fitnesscenter, Kletter- und Tennishallen als attraktiv.

Neben solchen Angeboten werden auch andere, oftmals kulturelle Aktivitäten von Wintertourismusorten angeboten. Diese beinhalteten Museumsbesuche, Ausstellungen und Einblicke in die Handwerksbetriebe. Bildungsangebote wie Tagungen und Messen sowie das Ausrichten von Großveranstaltungen im Wintersport sind alternative Einnahmequellen für die Tourismusgebiete. Selbstverständlich ist immer noch das „Skifahren“ selbst der Hauptgrund für den Aufenthalt in einem Wintertourismusgebiet. Dennoch wird es in naher Zukunft nötig sein, Überlegungen anzustellen, welche Alternativen ähnlich viele Besucher*innen in die Wintersportregionen ziehen.

Eine erläuterte Möglichkeit bieten Skipässe für mehrere Regionen: Diese Allianzen schließen mehrere Dörfer und/oder Täler ein, in denen die Besuchenden das Pistenangebot mit einer Karte nutzen können. Damit diese Modelle funktionieren, bedarf es einer ausgefeilten Marketingstrategie, die exakt auf die zu adressierende Zielgruppe und deren Bedürfnisse abgestimmt ist.

Damit sich die Touristiker:innen gegen Schneemangel, verursacht durch die globale Erwärmung, wirtschaftlich absichern können, existieren spezielle Versicherungen. Diese Versicherungen heißen Wetterderivate und schützen Hotels, Freizeitstätten und weitere Tourismusbetriebe vor der Insolvenz. Ein Aspekt, welcher viele Tourismusbetriebe davon abhält, solch ein Wetterderivat abzuschließen, sind die hohen Kosten. Für viele, vor allem kleinere Skigebiete, sind diese Wetterderivate nicht rentabel, da die aufzubringenden Kosten individuell und stark von Schnee- und Wetterstatistiken abhängig sind. Trotz der hohen Kosten wird es, durch die abnehmende Schneemasse, für viele Wintertourismusbetriebe und –orte notwendig sein, die hohen Kosten billigend in Kauf zu nehmen, um sich vor der Insolvenz zu schützen. 

Was wird die Zukunft bringen?

Ein hervorzuhebendes Zukunftsmodell ist der Begriff des „Sanften Tourismus“. Beim „Sanften Tourismus“ spielen Nachhaltigkeit und Umweltschutz eine wesentliche Rolle. Durch die Berücksichtigung der Natur im Zuge von Um- oder Neubauten von Liftanlagen, Straßen, Verkehrsanbindungen und Unterkünften wirkt sich dies auf die Flora und Fauna der Region positiv aus. Weiters gilt es auch den soziokulturellen Aspekt im Tourismus nicht zu vernachlässigen: Die einheimische Bevölkerung soll in ihrem Alltagsleben und der zu verrichtenden Arbeiten nicht eingeschränkt oder gestört werden, denn dies führt zu einem Spannungsfeld und verhärteten Fronten zwischen Tourisitker:innen und der Bevölkerung.

In welche Zukunft dürfen Wintersportbegeisterte bezüglich der Schneesicherheit blicken? (© Hanna Rohrer)

Um das Prinzip des „Sanften Tourismus“ zu erfüllen, was in den großen Wintertourismusorten nur schwer möglich ist, ist der Terminus „Qualität statt Quantität“ eine treffende Beschreibung. Obwohl diese Form des Tourismus einen von vielen möglichen Lösungsansätzen liefern könnte, besteht kein Zweifel daran, dass im Alpenraum, vor allem in den Wintertourismusregionen, besonderer Handlungsbedarf ansteht. Durch die dramatische Entwicklung seit den 1960er Jahren hin zu einem Massentourismus steht es außer Frage, ehestmöglich zu handeln, um den klimatischen Veränderungen noch rechtzeitig entgegenwirken zu können.

Wenn also eine realistische Chance für den Wintertourismus in der Zukunft bestehen soll, dann müssen die Skigebiete, Touristiker:innen, Politiker: innen aber auch die Besucher:innen und Wintersportler:innen ein gemeinsames Ziel verfolgen: Den Schutz der winterlichen und schneebedeckten Alpen im Einklang mit dem Vergnügen des Wintersports.

Author: Hanna Rohrer (Ed.: Markus Bachofner)