Ride Sharing: Ein Interview mit dem Geschäftsführer von Ummadum

Interview am 17.02.2021 per Videokonferenz durch Rosalie Birkle und Verena Engel

,,Verändere deine Mobilität“ – mit diesem Satz motiviert die Plattform Ummadum dazu, das eigene Verhalten zu verändern. Geschäftsführer René Schader ist davon überzeugt, dass es befreiend und unkompliziert ist, kein eigenes Auto zu besitzen. Zudem tut der Umstieg nicht weh, denn die Alternativen sind attraktiv. Wie die ummadum App dazu beiträgt, wie sie sich im Zusammenhang mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sehen und welches ihre größten Herausforderungen sind, erfahrt ihr hier im Interview.

Was hat dazu geführt, dass ummadum gegründet wurde? Was treibt euch an?

Ummadum beruht darauf, dass wir beobachtet haben wie sinnlos es ist, dass so viele Fahrzeuge mit leeren Sitzen unterwegs sind. Die Straßen sind voller Autos und es wird überall damit hingefahren, aber die Auslastung ist meistens sehr gering. Gleichzeitig ist es enorm teuer mit einem Auto umherzufahren, in dem nur eine Person sitzt. Dazu ist es ist ja salopp gesagt so, dass Autos stinken, viel Platz in Anspruch nehmen und einen negativen Einfluss auf das Klima haben. Also haben wir uns gefragt, wie es funktionieren kann, das Verkehrsproblem zu lösen und das Verkehrsverhalten zu verändern. Diese Neugierde trieb uns an, uns voll dieser Idee zu widmen und aus ihr ein Geschäftsmodell zu machen. Die Idee hatten wir 2016. 2017 gründeten wir dann ummadum. Unsere Vision ist, dass daraus nicht nur ein Produkt, sondern eine Bewegung entsteht. Somit beginnt das Modell immer mehr zu funktionieren und trägt sich irgendwann selbst. 

Wie würdet ihr Ride Sharing in einem Satz beschreiben?

Es gibt viele Fahrzeuge auf der Straße, die in die gleiche bzw. in “meine” Richtung fahren. Es gibt einfach brutal viele Autos auf der Straße, von denen keiner weiß, wo sie herkommen und hinfahren. Wenn ich da mitfahren kann, passiert Ride Sharing. Dabei muss der Einstiegs- und Ausstiegsort nicht gleich sein. Ich sehe es ein bisschen so wie ein Bussystem, aber dynamisch. Es gibt eine gewisse Regelmäßigkeit und man kann sich in die fahrenden Autos sozusagen einbuchen. Ich steige ein, komme von A nach B und werde mit unserem Modell dann sogar noch dafür belohnt. 

Wie stellt ihr euch Mobilität in Österreich in 5 Jahren vor? Welche Rolle spielt dabei das Ride Sharing?

Die Mobilität der Zukunft ist eine große Herausforderung und muss vor allem auf die Veränderung des Modal-Splits – also dem Verhältnis zwischen dem Öffentlichen Verkehr, Rädern, Zu Fuß Gehen und Autos, abzielen. Deshalb fokussieren wir nicht nur auf Ridesharing, sondern belohnen auch Radfahren und Gehen bei Ummadum. Car Pooling, Ride Sharing, oder wie auch immer es genannt wird, wird aber ein Teil der Mobilität der Zukunft sein. Derzeit funktioniert es aber noch nicht so richtig. Die Motivation der Leute lässt nach einer gewissen Zeit nach. Zugleich erleben wir, dass sich immer mehr Menschen für die Umwelt und das Klima interessieren und auch weniger Interesse daran haben, selbst hinter dem Steuer zu sitzen. Stattdessen wollen sie lieber online sein und mobil sein. 

In der Stadt ist Mobilität durch den öffentlichen Verkehr gewährleistet, aber im ländlichen Raum nicht, wobei dort teilweise viele Autos hinfahren. Genau für diese große Gruppe wollen wir bzw. muss ein Angebot geschaffen werden. Gleichzeitig wollen wir auch andere AutobesitzerInnen dazu motivieren, die Autotüren zu öffnen und andere mitzunehmen. Das ist eine sehr schwierige Sache. Dennoch bleiben wir sehr hartnäckig und es machen auch immer mehr Menschen mit. In fünf Jahren wird es ganz normal sein, eine Fahrt auszusuchen und mit einer bekannten oder unbekannten Person mitzufahren, weil man sich auf die Bewertungen verlassen kann. Besonders wichtig für die Umsetzung von Ride Sharing als etwas ganz Alltägliches sind unsere Partnerschaften mit anderen Organisationen. In etlichen Firmen oder auch durch POW wird das Modell verbreitet, getestet und weitergetragen. So werden Menschen erreicht und gemeinsam schaffen wir noch mehr und können Ride Sharing zu einem beständigen Teil der Verkehrssystems machen.

Steht Ride Sharing in Konkurrenz zu den öffentlichen Verkehrsmitteln?

Ride Sharing kann eine Konkurrenz zu Bussen o.ä. sein, aber wir sehen uns ganz klar als Ergänzung. Daher agieren wir in Abstimmung mit den Betreibern des öffentlichen Verkehrs. In unserer App sind Zug- und Buszeiten zu sehen, an die man per Ride Sharing beispielsweise für die Letzte Meile anknüpfen kann oder umgekehrt. Dort haben die Öffentlichen oft eine Grenze, für die es bisher keine ausreichenden Lösungen gibt. Dazu gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, Menschen per Ride Sharing zu P+R-Anlagen als Zugang zum öffentlichen Verkehr zu bringen. Außerdem treffen wir uns regelmäßig mit Verkehrsbetrieben, um Parallel Situationen zu vermeiden. Das Preismodell ist in etwa so abgestimmt, dass es hier zu keiner Konkurrenz kommt. Es geht also darum, das Gesamtsystem aufzubauen. Generell ist es so, dass die Kooperationsbereitschaft auf beiden Seiten groß ist.

Welche Gesetze/ Regelungen würdet ihr ändern, wenn ihr könntet?

Die rechtliche Lage ist fürs Ride Sharing ausreichend und nicht hinderlich. Die Idee ummadum wurde im Rahmen des aktuell Machbaren entworfen. Neue Regelungen oder Gesetze sind in dieser Hinsicht also nicht notwendig. Es ist aber wichtig, das Verhalten der NutzerInnen zu verändern. Dazu braucht es NutzerInnen, die aus innerer Überzeugung mitmachen – sogenannte ,,First Mover“, die das ganze anstoßen und andere zum Mitmachen motivieren. Wenn die Bewegung dann an Größe zunimmt, steigt auch die Nachfrage. Diese bestimmt dann wiederum das Angebot und mögliche rechtliche Veränderungen – falls nötig.

Was sind für euch die größten Herausforderungen in den nächsten Jahren?

Aktuell ist eine unserer Herausforderungen die Pandemie, aber wir versuchen über diesen Horizont hinaus zu sehen. Es sind z.B: auch einige positive Änderungen aus der Krise erwachsen: Home Office ist jetzt viel gängiger und oftmals überhaupt möglich. Das reduziert das Verkehrsaufkommen und spart viel CO2 ein. Von den digitalen Arbeitsweisen wird uns vieles erhalten bleiben – weil man es ausprobiert hat als man musste und die Vorteile davon erkannt hat. Dieses Momentum brauchen wir auch im Mobilitätsbereich. 

Dazu ist die Logik, wie wir Entscheidungen treffen aktuell stark geprägt durch Social Media und die zahlreichen Möglichkeiten, die wir wahrnehmen können. Viele fahren z.B. ins weiter entfernte Skigebiet, weil es schöner ist, dort mehr Schnee gefallen ist, oder die Freunde am Vortag ein cooles Bild davon gepostet haben. Es gilt, solche Gewohnheiten zu durchbrechen und regionale Bezüge, bzw. Nachhaltigkeitsaspekte in den Vordergrund zu stellen – sonst müssen wir immer noch weiter zum Skifahren fahren, um guten Schnee zu haben. Ein Teufelskreislauf. Solche Verhaltensveränderungen sind anfangs zäh anzustoßen, aber uns war immer bewusst, dass es ein langer Weg ist. Dennoch ist bereits jetzt festzumachen, dass das eigene Verhalten viel mehr in Frage gestellt wird im Vergleich zu früher. Mobilität ist zu einer bewussteren Haltung geworden, so wie vegetarische oder vegane Ernährung. Analog dazu können sich Lebensstile wandeln. So wächst eine Dynamik und der Stolz über die Benutzung von Öffis, Fahrrad, Ride Sharing etc. steigt.

Genau wie Home Office kann die Wertschätzung von alternativen Verkehrsmitteln inklusive Ride Sharing durch das “Gezwungen-werden” etwas gepusht werden. Städte können z.B. Push-Maßnahmen wie eine City Maut oder höhere Parkgebühren einführen. Das sind effektive Maßnahmen, die aber bei einem Teil der Bevölkerung nicht gut ankommen. Daher wollen wir schon vorher ansetzen und versuchen, durch einen Pull-Effekt das Verhalten zu ändern. Durch eine tolle User Experience und attraktive Belohnungen für Ride Sharing, Fahrradnutzung und zu Fuß gehen, sollen Menschen dazu motiviert werden, “umzusteigen”. Uns ist wichtig, dass wir nicht den Zeigefinger heben, sondern die innere Motivation steigern und so eine Dynamik schaffen.

Wie hebt sich ummadum von anderen Ride Sharing Portalen ab?

Wir sind eine offene soziale Plattform mit Mobilität im Zentrum. Alle, die hier Fahrten anlegen und suchen, können sich mit anderen verbinden wenn sie das möchten. Es ist so ein bisschen wie das “Airbnb der leeren Autositzplätze”. ummadum ist aber neben einer Plattform für Ride Sharing auch eine fürs Radfahren, zu Fuß gehen und den öffentlichen Verkehr. Unsere Plattform beruht auf einem Punktemodell, d.h. alle FahrerInnen und MitfahrerInnen bekommen Punkte als Belohnung für die gemeinsame Fahrt. Diese Punkte verdient man sich für tägliche Wege, die man per Rad, zu Fuß, oder Ride Sharing zurücklegt. Die Punkte können dann z.B. in lokalen Supermärkten gut und sinnvoll in den Alltag integriert werden. Auf der anderen Seite gibt es auch Gewinnspiele, wie ein E-Bike das verlost wird, die die Motivation nochmals verstärken. Es gibt einen QR Code, mit dem man seine Punkte einfach zum Bezahlen nutzen kann. Im Vergleich zu traditionellen Gutscheinen wird man so auch beim Einkaufen selbst mit Nachhaltigkeit konfrontiert. 

Author: Rosalie Birkle