Ein Kommentar zu Österreichs Tourismus Strategie
Letzte Woche wurde die Vision T, Österreichs neue Tourismusstrategie, präsentiert. Dem voraus ging ein offener Stakeholderprozess, in dem viele unterschiedliche Perspektiven einbezogen wurden – inklusive unserer.
Wir sehen die neue Strategie auf jeden Fall als einen Schritt in die richtige Richtung, auch wenn klar ist, dass nach wie vor noch Luft nach oben ist. Unsere vier Forderungen sind weitgehend in der Vision T verankert:
- Österreich als globale Leitdestination für klimafreundlichen und naturverträglichen Tourismus positionieren
- Nachhaltigkeit und Klimaschutz als Kernbestandteil der touristischen Marke Österreich verankern, das bedeutet auch die öffentliche Positionierung für ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen zum Erhalt der Natur und Wirtschaftsgrundlage
- Investitionen in klimaneutrale Mobilität, nachhaltige Infrastruktur und naturverträgliche touristische Angebote beschleunigen (zB nach dem Salzburger Vorbild der Mobilitätsabgabe)
- Destinationen, Regionen und Betriebe systematisch bei der Transformation zu klimaneutralen Geschäftsmodellen unterstützen
Der heikelste Punkt bleibt die öffentliche Positionierung für ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen. Auch dieser Aspekt findet sich jedoch, wenn auch in anderer Formulierung, in der Vision T wieder: „Wir setzen auf vorausschauendes, verantwortungsvolles Ressourcenbewusstsein und -management, um unsere natürlichen und kulturellen Schätze für die Regionen und den Tourismus nachhaltig zu erhalten – und gleichzeitig wirtschaftliche Chancen zu nutzen.“
Diese Aussage ist allerdings nur dann glaubwürdig, wenn Staatssekretärin Zehetner diese Haltung auch bei konkreten politischen Entscheidungen vertritt, wie etwa bei kommenden Gesetzesvorhaben wie dem Klimagesetz. Der Schutz natürlicher Ressourcen darf nicht nur Teil strategischer Leitbilder sein, sondern muss sich auch in der Gesetzgebung widerspiegeln.
Aktuell wird das Klimagesetz erneut intensiv verhandelt. Hier hat Staatssekretärin Zehetner gemeinsam mit Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig die Möglichkeit, die Ziele der Vision T mit konkreten Maßnahmen zu untermauern. Totschnig betonte dazu in der ZIB2 am 18. Juni 2026: „Ich werde alles tun, im eigenen Bereich, aber auch in der Bundesregierung, damit wir hier (anm. bei den Klimazielen) auf Kurs bleiben.“ Klimaschutz bedeutet letztlich auch den Schutz jener natürlichen Ressourcen, von denen der österreichische Tourismus lebt.
Was in der Vision T hingegen fehlt oder kaum thematisiert wird, sind die beiden besonders sensiblen Themen Fernquellmärkte und Bettenobergrenze. Besucherlenkung, die Förderung des Ganzjahrestourismus und die Reduktion des Tagestourismus sind wichtige Maßnahmen und bieten durchaus Chancen. Dennoch wird man sich an besonders stark frequentierten Standorten früher oder später mit einem Bettenstopp auseinandersetzen müssen.
Das gilt insbesondere dann, wenn zusätzliche Bettenkapazitäten als Argument für den Ausbau weiterer Liftanlagen und Pisten herangezogen werden. Denn dadurch entsteht ein Kreislauf, der langfristig unsere natürlichen Ressourcen gefährdet: Mehr Betten erfordern mehr Liftkapazitäten und zusätzliche Pistenkilometer. Um diese wiederum auszulasten, werden noch mehr Betten benötigt. Ohne klare Grenzen und Regeln droht ein Teufelskreis, der langfristig sowohl die Lebensqualität in den betroffenen Regionen als auch die Natur als wichtigste Grundlage des Tourismus beeinträchtigt.
Quellmärkte können natürlich weiter ausgebaut werden, dann sollten sie aber Hand in Hand mit dem Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel, besserer Zusammenarbeit im internationalen Bahnverkehr, Subventionierung der Bahn sowie gleichzeitiger Besteuerung von Flugtickets auf Europäischer Ebene geschehen. Bevor Fernquellmärkte intensiver bespielt werden, sollte auf jeden Fall noch stärker auf heimische und europäische Gäste fokussiert werden. Die Potentialerhebung US-amerikanischer sowie chinesischer Wintergäste im Frühjahr 2026 lässt jedenfalls Zweifel am verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen aufkommen.
In der ZIB2 vom 21. Juni 2026 erklärte Staatssekretärin Zehetner: „Wir profitieren dadurch, dass wir durch unsere Berge und Seen als Coolcation gelten.“. Es ist nichts falsch daran, Klimawandelanpassung auch als Chance zu sehen, aber der Ernst der Lage sollte dadurch nicht heruntergespielt werden. Kein Land in Europa erwärmt sich so stark wie Österreich mit 3,1°C im Vergleich zu 1,4°C im globalen Mittel und das merkt man leider vor allem in den Bergen, die eben nicht mehr so angenehm kühl sind, wie sie es einmal waren. Bis zum Jahr 2050 werden in Österreich voraussichtlich 70 bis 80 Prozent der Gletschermasse verloren gehen (im Vergleich zum Jahr 2024). Deshalb sollten neben der Klimawandelanpassung vor allem auch Schutzmaßnahmen in den Fokus gerückt werden.
Auch die Seen sind von der Erwärmung betroffen. In den vergangenen 40 Jahren sind ihre Temperaturen durchschnittlich um rund 2 °C gestiegen. Dadurch verschlechtert sich die natürliche Durchmischung des Wassers, was zu Sauerstoffmangel in der tieferen Schicht führt. Für zahlreiche Fischarten wird dieser Lebensraum zunehmend ungeeignet. Betroffen sind davon auch für den Tourismus wichtige Speisefische wie Forelle und Saibling. Zudem können höhere Wassertemperaturen Algenwachstum und Wassertrübungen begünstigen, was in Extremfällen bereits heute zu Badeverboten führen kann.
Unterm Strich ist die Vision T eine grundsätzlich gelungene Strategie. Entscheidend wird jedoch sein, ob sowohl die Österreich Werbung (für die die Vision T den zentralen Arbeitsauftrag darstellt) als auch die politische Verantwortungsebene die Herausforderungen der Klimakrise ernst nehmen und konsequent handeln. Dazu gehören eine glaubwürdige Vorbildwirkung, eine klare öffentliche Unterstützung wirksamer Schutzmaßnahmen sowie ambitionierte gesetzliche Rahmenbedingungen. Nur so können jene natürlichen Ressourcen langfristig erhalten werden, die das Fundament des österreichischen Tourismus bilden.

